Der Fetisch

Es gibt wenige Begriffe im Verkehr, die so häufig vergleichend verwendet werden wie der so genannte Modal Split, die Wegewahl der Menschen. Wie ist er heute, was kann man morgen und übermorgen, was am Nimmerleinstag erreichen? Was ist realistisch, was ist Utopie, und was irgendwo dazwischen? Was lässt sich über den Fetisch in kritischer Distanz sagen? Also:

  • Der Modal Split ist ein fachliches Konstrukt, das in der Zivilgesellschaft kaum angekommen ist. Als Maßzahl dient er Verkehrs- und StadtplanerInnen für die Einschätzung, wo sich Handlungsfelder auftun: Welche Potenziale können bei welchen Verkehrsmitteln aktiviert werden? Der Modal Split vermittelt allerdings keine Qualität, nur im Vergleich – zur Vergangenheit, zu anderen Städten / Ländern / Gemeinden – ist der Modal Split brauchbar.
  • Der Modal Split ist eine Relativzahl. Über tatsächliche Verkehrsmengen sagt er nichts aus. 100 % von ganz wenig ist immer noch ganz wenig.
  • Die Erhebungsmethoden zum Modal Split könnten unterschiedlicher nicht sein, der normative Gehalt ist hoch: Geglaubt wird, was verkehrspolitisch gerade nützlich ist. Die klassischen Erhebungsinstrumente (Fragebögen, Interviews) sind komplex und für viele Menschen überfordernd, nur mit Erfahrung, mit höchster Genauigkeit und methodischem Aufwand sind brauchbare Ergebnisse zu erwarten.
  • Dem Modal Split wohnt der Mangel aller Zahlen inne: er sagt über Qualitäten und ihr Gegenteil nichts aus. Wie ein untersuchtes Gebiet in seiner Mobilität „verfasst“ ist, erklärt der Modal Split nur unzureichend: ist jetzt Zürich so viel besser als Wien, und was ist mit München, Berlin oder gar Paris?
  • Herumgesprochen hat sich mittlerweile, dass der fachgerecht ermittelte Modal Split die Fußwege unterschätzt bzw. aufgrund der Erhebungsmethode zu einem Großteil nicht berücksichtigt: Was aber bedeutet das für Politik & Planung?
  • Für ganze Bundesländer – mit Städten, Verkehrskorridoren und ländlichen Räumen – ist der Modal Split in Zahlen gegossener Nonsens: die periphere Gemeinde mit einer Handvoll EinwohnerInnen und die Mittelstadt sind weder vergleichbar noch in einem Kollektiv gut aufgehoben. Auch wenn sich die Politik mit visionären Modal Split-Zielen schmückt – gemessen wird sie immer noch an konkreten Handlungen.
  • Und was tun mit der Multimodalität? Wie sie erheben und in Zahlen kleiden?

Der Modal Split ist also eines von vielen Merkmalen zur Mobilität, vermutlich nicht das Wichtigste. Nichts entlastet uns dabei, Mobilität kreativ und über Zahlen hinaus zu beschreiben.

Wien, 6.2.2016
Werner Rosinak, Andrea Weninger