Ein Plädoyer für den öffentlichen Raum

Im rot-grünen Regierungsübereinkommen – eine Stadt, zwei Millionen Chancen – wird der öffentliche Raum mehrfach thematisiert: Aufenthaltsqualität, Flaniermeilen, faire Aufteilung, temporäre Fußgängerzonen, Begegnungszonen – das sind die handlungsleitenden Stichworte. Was aber steht derartigen Handlungen entgegen, was geschah bisher:

Privatisierung. Im Bewusstsein vieler Bürgerinnen ist der öffentliche Raum im unmittelbaren Lebensumfeld Privatsache: das betrifft den persönlichen Parkplatz ebenso wie den Anspruch auf Schanigärten, Blumenkübeln, Kleiderständer, Vitrinen, Werbeschilder – zumeist Sachen, die den Flaneuren und Radlern im Weg sind. Dieses Bewusstsein hat auch die Lokalpolitik infiltriert, Parkplätze sind immer noch das höchste Gut der Bezirke – es gilt, sie mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Planung kann auf die Schnelle mit sachlichen Argumenten, mit schönen Beispielen gegen Besitz-Bewusstsein wenig ausrichten. Es bedarf offensichtlich einer kontinuierlichen Überzeugungsarbeit über die Qualität des Öffentlichen.

Spielräume. Der öffentliche Raum muss also in erster Linie zurückgewonnen werden, zu Lasten des fließenden und ruhenden Autoverkehrs, gegen kommerzielle Wucherungen, aber auch da und dort durch die Entfernung sinnloser Grünflächen („Abstandgrün“) und die Optimierung von ÖV-Flächen. Da es sich offenbar um Konfliktfelder handelt, sollten die ersten Versuche auch Erfolg versprechend ausgewählt werden.

Begegnung? Ein besonderes Konfliktfeld werden wohl Begegnungszonen sein. Schließlich erfordert dieser Straßentyp ein ungewohntes Miteinander ohne vertrautes Eigentum (Parkplatz, Fahrspur, usw.). Diesen Konflikten kann man dort, wo Begegnungszonen sinnvoll sind – in Geschäftsstraßen, auf belebten Plätzen – nicht ausweichen; professionelle Kommunikationsprozesse sind jedenfalls ebenso notwendig wie interdisziplinäre Gestaltungsprojekte. Die Verlagerung dieses Themas in ruhige Nebengassen ist jedenfalls keine Lösung. Wenn ein Kaffeehaus zwei Tische auf einen zu schmalen Gehsteig stellt und engagierte Anrainer eine Fassade begrünen wollen, braucht man keine Begegnungszone.