Urbo kune als Musterstadt für moderne Nomaden

Werner Rosinak im Wien Museum, 21. März 2015

Urbo kune – die gemeinsame Stadt scheint zwar selbstverständlich einerseits, ist aber radikal gedacht eine Utopie. Im Rahmen der Ausstellung „Romane Thana – Orte der Roma und Sinti“, fand die Veranstaltung „urbo kune wird romane than“ statt, unter anderem mit dem Thema „Urbo kune als Musterstadt für moderne Nomaden“.
Mit Wien im Hintergrund drängen sich da mehrere Fragen auf:

  • Gibt es so etwas wie eine Musterstadt – über das unsägliche Stadtbranding hinaus, jenseits von SMART CITY und Konsorten?
  • Sind da irgendwo noch oder wieder Großstadt-Nomaden, wo doch in Wien aus jedem Nomaden ein unkündbarer Hauptmieter wird? Nur Wenige – überwiegend einheimisch – bringen die Kraft auf, sich aus der „Wiener Sesshaft“ zu befreien, stranden in Metropolen, die als Fluchtpunkte attraktiver sind.
  • Wozu schließlich brauchen Nomaden Musterstädte? Sind doch echte Nomaden gleichgültig gegenüber, moderat interessiert an ihrem Umfeld, das sie angenehm temperiert erwarten, mit dem sie aber keine utopischen Ansprüche vom Zuschnitt „Musterstadt“ verbinden.

Diese Fragen begrenzen das Thema und legen einen pragmatischen Zugang nahe: Was sagt das druckfrische Fachkonzept Mobilität, ein Appendix zum neuen Stadtentwicklungsplan für Wien über das offensichtlich Andere, für das „Nomade“ als Kürzel dient. Überschriften – als Wünsche, Hoffnungen und Mahnungen – weisen den Weg:

  • „Mobilität braucht menschen- & umweltgerechten Verkehr“,
  • „Sichere Mobilität für die Jüngsten“ – was im übrigen die Frage nach den Ältesten aufwirft,
  • „Mobilität: fair-gesund-kompakt-ökologisch-robust-effizient“; warum dies? damit „möglichst alle Menschen ihre Bedürfnisse erfüllen können“.

Damit diese Ansprüche glaubhaft sind, werden sie einem Fairness-Check unterzogen, das positive Ergebnis wird gleich mitgeliefert.

Diese Begriffe im Fachkonzept für Bewegung – unter dem Leitsatz „miteinander mobil“ übrigens – verströmt einen Holismus, einen Appell an Alle, bei dem Unterschiede zum Verschwinden gebracht werden; naheliegende Unterschiede, wie die Mobilität von Frauen und Männern, von Alten und Jungen, von Beschäftigten und Arbeitslosen, von Arm und Reich; Unterschiede, die das Verhalten prägen, die ein diffuses „Miteinander“ als Utopie erscheinen lassen.
Es gibt aber auch weniger naheliegende Unterschiede:

  • Von WienerInnen und MigrantInnen mit / ohne Stimmrecht,
  • von ethnischen Repräsentanten, unabhängig von deren Zahl.

Vielleicht sind alle diese Unterschiede nicht relevant – nur sollte man sie kennen! Vielleicht aber ist der Tenor des Fachkonzeptes Mobilität – das GANZE ist das WAHRE – falsch.

Wie könnte man sich nun den Unterschieden nähern? Nicht durch Manifeste und Broschüren, nicht durch zusätzliche Kapitel vom beruhigten Gewissen – sondern durch konkrete Projekte, wie dem Kurs MAMA FÄHRT RAD; türkische Frauen, zumeist zu Fuß unterwegs lernen zum Erstaunen (Entsetzen?) der übrigen Familienmitglieder Rad fahren, erlangen so jenes Balancegefühl, das für sieben Prozent der Stadtbevölkerung Voraussetzung ist, ihre Wege mit dem Fahrrad zurückzulegen.
Das Politische an diesem konkreten Projekt ist – neben der Aktion an sich – der Versuch, Differenzen zu erkennen und lernend zu überwinden, ohne den Respekt vor Unterschieden, die für eine urbane Vielfalt notwendig sind, zu verlieren.
Mit Projekten dieser Art, tatkräftig also, müsste man sich dem Fremden, das für Viele (ver)störende Unterschiede macht, nähern – ohne dass mir ein solches Projekt für Nomaden auch eingefallen wäre. Ein Imperativ ist mir aber schon eingefallen: das Gemeinsame, die gemeinsame Stadt, also URBO KUNE, ist ohne behütete, beachtete Unterschiede nicht zu haben.